Sie befinden sich hier:   START > SERVICES > FACHARTIKEL > VOLKSKULTUR
Bei uns geben Sie den Ton an!
Bei uns geben Sie den Ton an!

VOLKSKULTUR

Dr. Klaus Fillafer (Landesobmann des Kärntner Bildungswerkes)
Eröffnungsreferat zu den 3. Trendgesprächen des Kärntner Bildungswerkes

 

"Kultur leben- Volkskultur pflegen"- Inszenierung von Lebenswelten

Die Frage ist, in welche Richtung kann sich die Volkskulturpflege überhaupt fortbewegen? Dies ist die zentrale Fragestellung in den meisten volkskulturellen Landes- und Bundesverbänden, leider oft mit wenig Antworten.
Volkskultur ist grundsätzlich Teil einer wertvollen historischen Kultur, die in ihrer Gesamtheit einem durchaus legitimen Heimatbedürfnis entspricht, was dieser Kulturgattung auch in der heutigen Zeit das Überleben sichert. Bis heute ist diese Kultur ein öffentlich anerkannter Teil der Identität einer Landschaft, einer Region oder eines Dorfes, das man gerne zeigt, um sich von anderem, nicht Unterscheidbarem, zu unterscheiden. Doch auch diese Volkskulturpflege unterliegt den Gesetzen von Angebot und Nachfrage.

Wir haben daher im Kärntner Bildungswerk, als Institution der Erwachsenenbildung, im Sinne unseres Bildungsauftrages, für unsere eigene zukünftige Bildungs- und Kulturentwicklung, perspektivische Ansätze diskutiert und in Ausblick genommen. Natürlich können hier keine Patentrezepte gegeben, sondern nur einige Gedanken zu möglichen Entwicklungen niedergeschrieben werden.Die Darstellung der einzelnen Entwicklungsfelder stellen ganz große globale Denkansätze dar, die teils neue Kultursegmente eröffnen, die wir im KBW auch weiterentwickeln wollen. Sie haben sicher bemerkt, dass wir in den letzten 2 Jahren viele neue Kulturprodukte ausgebildet haben. Hinter jedem Produkt verbirgt sich eine eigene Philosophie.

1.) Die Frage nach dem Sinn, wie auch der Form einer Kulturbewegung ist eine ganz wesentliche. Diese ist an erste Stelle zu reihen. Gerade eine Leitbilddiskussion stellt die "Sinnfrage" in den Vordergrund, schafft Grundlagen, schafft die Form und schafft adäquate Umsetzungsstrategien.

2.) Die Definition von Volkskulturpflege ist zu erweitern: gemeint ist das breite Spektrum des klingenden Alltags- und Festtagslebens in Brauch und Geselligkeit in Familie und Gemeinschaften, sowie unterschiedliche Formen der Präsentation von Kultur. Die Grenzen zwischen Volkskulturpflege, vollziehender Volkskultur und allgemeiner Kulturarbeit verschwimmen, wenn wir unsere Berührungsängste zu anderen Kulturformen abbauen und zum Dialog einladen.

3.) Volkskulturpflege lebt zumeist von kreativen Kulturformen der Vergangenheit. Die Frage, ob Volkskultur auch zeitgenössische inhaltliche Formen oder Problemstellungen integrieren kann drängt sich auf.? (Lieder: Scherz, Spott, Hohn Sozialkritik, erzählende Lied, Gstanzl usw.) Es ist die Frage zu stellen, welche Anregungen von der zeitgenössischen Kunst in die Volkskultur übernommen werden können.
Nur durch eine Interpretation der Tradition aus zeitgenössischen Problemstellungen und Anliegen gelingt ein qualitativer Beitrag zur Modernisierung des kulturellen Bewusstseins von regionalen Gemeinschaften.

Möglich z.B. wären zeitgenössische Formen der Vermittlung, freilich mit einem Spagat zwischen Vertrautem und Sensationellen. Lösungen ließen sich durch den Einsatz von Fachleuten finden, die mit Sach- und Umsetzungskompetenz ausgestattet, eine Entwicklung konkurrenzfähiger Produkte und Konzepte ermöglichen.

4.) Zu Hinterfragen und abzuwägen wäre, welche Ressourcen in einer Veränderung liegen.
Erneuerung ist daher auch der Lebensquell aller der Traditionserhaltung dienenden Aktivitäten. Je mehr sich die Bedingungen in einer pluralistischen Gesellschaft verändern, desto wichtiger wird ein offenes Konzept, das Veränderungen in seine Arbeit integriert.

Erzwingen die gegenwärtigen Entwicklungen nicht ein Überdenken der Struktur traditioneller volkskultureller Arbeit? Themenparks, Freizeit und Ereigniswelten, Saurierparks, Kristallwelten; neue Entwicklungen innerhalb der Regionalkultur bedeuten einen radikalen Veränderungsprozess, dessen Auswirkungen sich die Vertreter der volkskulturellen Arbeit über kurz oder lang stellen werden müssen, egal wie groß oder klein die Institutionen sind. Zu häufig geschieht derzeit die Volkskulturpflege auf dem Niveau des Gutgemeinten, mit all den Fehlern und Schwächen, natürlich auch verzeihbar , da vom Ehrenamt getragen.

Nun jedoch von der Philosophie zur praktischen Anwendung. Welche beispielhafte Möglichkeiten der Entwicklung ergeben sich nun aus dem bisher Gesagtem:

Wir haben im Kärntner Bildungswerk eine besondere Form eines "Perspektivenbaumes" entwickelt. Wir haben einen Baum symbolhaft gewählt, da dieser eine sehr verzweigte und starke Wurzel hat, die aus vielen Wurzelballen besteht gleichsam den verschiedensten kulturellen, lokalen, überregionalen bis hin zu europäischen Einflüssen, die dann zu einer verdichteten Kulturäußerung führte was symbolhaft den Stamm bedeutet. Aus diesem Kulturstamm des vorigen Jahrhunderts haben wir einen großen Leit- oder Haupttrieb entwickelt, die bestehende Volkskulturpflege wie wir sie alle bestens kennen, im wesentlichen das Kulturkonzept der letzten hundert Jahre.

Wenn wir nun das Theoretische des vorhin Gesagten, im Sinne einer Öffnung und Weiterentwicklung verstehen wollen, gilt es zahlreiche Seitentriebe an unserem Perspektivenbaum zu entwickeln, die wiederum zu weiteren Haupttrieben auswachsen können. Wir eröffnen damit weitere Kultursegmente die sich eigendynamisch entwickeln können. Wohl gemerkt, der bestehende Leittrieb wird dadurch nicht berührt und soll auch weiterhin Geltung haben.

1.) Darstellung und Volkskultur:
Wenn man die bestehende Volkskulturpflege analysiert, so ist zu wahrscheinlich 90% die darstellende Kulturpräsentation vorherrschend. Eine darstellende Volkskulturpflege die im Rahmen der Probenarbeit verschiedenste Kulturprogramme erarbeitet, um diese zumeist auf der Bühne oder auch sonst wo einem Publikum vorzuführen. Sehr häufig auch, wie gesagt, auf dem Niveau des Gutgemeinten. Viele Reden von den "Gesetzen der Bühne". Wer kennt sie?
Ich glaube, dass hier der erste Ansatzpunkt zu finden ist. Kann Darstellung sich nicht auch Professionalisieren im Sinne von Dramaturgie, Regie, Spannungsbogen, Inszenierung Beleuchtung usw. Der Inhalt einer solchen segmentalen Kulturentwicklung liegt jedoch nicht unbedingt in der Traditionserhaltung, sondern in einer neuen Form "volkskultureller" Erlebniskultur" die auch Kulturverschnitte zwischen Tradition und Moderne beinhalten kann und soll. Es ist dies eine besondere Form eines experimentellen kulturellen Labors. Lieder, Tänze, Musik, Kleidung usw. könnten z.B. gemeinsam mit ihrer Zeitgeschichte dargestellt werden, mit ihrem gesellschaftlichen Hintergrund, man könnte sich moderner Präsentationstechniken bedienen. Man könnte gemeinsame Produktionen mit Darstellern aus dem Amateurtheaterbereich erarbeiten oder sich mit gegenwartsbezogener Kunst präsentieren. Also ein weites und neues Feld kreativen Kulturerlebens.
"konzeptionellen Chorprogramme": ausgewählte Chorliteratur wird nach einem vorgegebenen Thema ausgesucht und zusammengestellt. Dabei werden zumeist aktuelle gesellschafts- politische Themen kritisch aufgearbeitet und mit alten und neuen Kompositionen versehen, die sprachexperimentelle Darbietungen miteinbeziehen.

Das Kärntner Bildungswerk wird für diesen Bereich eine eigene Ausbildung in Modulform anbieten, wobei das Konzept dafür bereits feststeht.

2.) Volkskultur- Alltagskultur- Lebenskultur
Unsere bestehende Volkskulturpflege versteht sich weitgehend als Fest- und Feiertagskultur. Im Gegensatz zu früher hat sie sich vom übrigen Alltag weitgehend abgehoben. Weiters ist sie nicht mehr eine Kultur für Jedermann und Jederfrau, sondern ist vorwiegend eine Kultur der Gruppen und Vereine. Kann nicht Volkskultur im Zeitalter konkurrierender Lebensstile eine besondere Form einer Lebenskultur sein, die als Eckpunkte des Alltagslebens Ordnung und Sicherheit, Verlässlichkeit und Dauer imaginieren (heute müssen die Menschen die Ordnungen selbst herstellen aus denen sie gefallen sind). In einer pluralistischen Welt vieler Lebensstile könnte Volkskultur als besondere Lebensform angeboten werden, Voraussetzung dafür ist jedoch die Wertfreiheit des Angebotes. In einer Welt der Mc Donaldisierung wäre Volkskultur etwas Unverwechselbares.

Hier liegt ein weiterer Ansatzpunkt. Ziel dieser Produkte ist jeder Einzelne, die Schule, der Arbeitsplatz oder die Familie.

KBW: Almleben- Kulturleben
Sänger- und musikantenfreundliche Gaststätte
Kärntner Kulturwirt
Gstanzlsängertreffen
Kultur und Wirtschaft

3.) Volkskultur und Brauch
Die bestehende Volkskulturpflege hat sich oft von traditionellen, gesellschaftlichen Brauchanlässen weit entfernt und hat sich ihre eigenen Bräuche und Rituale in Form von Konzertabenden, Jubiläumsfeiern und dgl. geschaffen. Gerade der vielzitierte "Kärntner Abend" ist auch so ein Brauch der sich häufig auch dem Tourismus angeboten hat. Mit starkem Nachlassen vor allem des Massentourismus mit allwöchentlichen Aufführungen, haben viele volkskulturelle Gruppen ihr Publikum verloren. Somit die wöchentliche Probenarbeit ihren Sinn verliert und große Fragestellungen auftreten. Gerade das rhythmische Brauchgeschehen im Jahreslauf, Alt- wie Neubrauch, bieten ständig wiederkehrende Ziele im Sinne von gebraucht werden, womit die Volkskulturpflege eigentlich keine Pflege mehr ist sondern in Gebrauchskultur übergeht.

4.) Volkskultur und Familie (Elternschaft)
Die bestehende Volkskulturpflege und deren Verbände haben der Familie kaum Kulturformen angeboten, die für Kind und Elternteil zum gemeinsamen Besitz wird. Ich glaube, das die Familie kulturell hungert, da die Tradierung von z.B. musischen Kulturgütern schon seit einigen Generationen unterbrochen sind.
Lieder für Schwangere

Projekte: Kind und Volkskultur (Kärntner Heimatwerk)
Büro zur Weihnacht
Lieder haben lernen
Liederbuch für Schwangere

5.) Volkskultur und Nachbarschaft (Europa)
Die eigene Kultur zu erkennen bedarf es andere Kulturen zu kennen. Identität entsteht erst im Vergleich zwischen der eigenen und der fremden Kultur. Hierbei gibt es geographische Nachbarschaften aber auch Nachbarschaften von verwandten Kultur und Kunstgebieten.
Auch die Volkskultur erhält eine neue Bedeutung im Europa der Regionen. Mit Volkskultur wird "Anderssein", beziehungsweise nationale oder ethnische Besonderheit, gerade in Zeiten der Globalisierung demonstriert. Welche Rolle wird nun der Volkskultur in einem verändertem Europa zugeschrieben und welche Initiativen und Aktivitäten mit anderen Ländern und anderen Institutionen koordiniert und gestaltet werden könnten. Einen Raum zu schaffen, in dem Begegnung und Dialog möglich sind, Ort der Integration und des kulturellen Austausches. Die Zukunft dieser volkskulturellen Arbeit liegt darin, Verständnis und Wertschätzung der eigenen und der fremden Traditionen mit zeitgenössischen Kulturbewusstsein zu verbinden.
Europäische Integration ohne kulturpolitisches Verständnis bleibt Stückwerk. Kärntens Beitrag zu diesem Verständnis kann nicht in einem Kulturseparatismus liegen, sondern nur in einem offenen Austausch und einer ständigen Begegnung. Ziel ist das Erleben von Differenz als Wert und Bereicherung.

6.) Volkskultur und Hochkultur
In einigen Bundesländern gibt es bereits zahlreiche Mischformen zwischen Volkskultur und Hochkultur, in welchen die Grenzen immer mehr verschwinden. Auch unsere Chorakademie bietet bereits eine solche Form der Ausbildung, als Schnittpunkt zwischen zwei bisher parallel laufenden Kulturformen an. Auch hier ergeben sich interessante Produkte von Kulturverschmelzungen der beiden Kulturformen, die sich übrigens über Jahrhunderte gegenseitig befruchteten und kreativ austauschten.

7.) Volkskultur und Wirtschaft
Größere Wirtschaftssegmente wie z.B. die verschiedenen Festivals der Regionen (Mostbarkeiten, Kürbisfest, Speck- und Käsefest, Rindfleischfest, Hadn- Polentafest usw.) sind ebenso auf der Suche nach regionaler und kärntnerischer Identität, nur mit anderen Zugängen, nämlich mit der Bewusstseinsbildung für heimische Erzeugnisse oder für Kärntnerisches Essen, Kleidung der heimischen Leinenwebe , bodenständiges Kunsthandwerk usw. Im Kärntner Bildungswerk haben wir mit einigen Projekten begonnen, die Wirtschaft und Kultur zu einem gemeinsamen Mehrwert führen können. Die Kultur kann die Wirtschaft unterstützen und diese stützt ihrerseits die Kultur in einer gemeinsamen Symbiose. Ich glaube, dass in diesem Bereich viele kulturelle Chancen und Ressourcen für die Volkskultur liegen, wahrscheinlich viel eher in der weiterentwickelten Form, nämlich jener Kultur, die zu einem Gesamterlebnis führt und das jeweilige wirtschaftliche Produkt in kultureller Form ergänzt oder widerspiegelt.
Projekte: Kärntner Kulturwirt (Kärntner Wirtshauskultur)
Almleben- Kulturleben (Almwirtschaftsverband)
Musik auf Kärntner Bauernmärkten (Ernteverband / Biobauern)

Ich habe hier nun sieben beispielhafte kulturelle Seitentriebe eines Perspektivenbaumes beschrieben und präsentiert, wobei sich gewiss noch einige weitere hinzufügen lassen. Alle sieben sind geeignet in perspektivischer Weise weiterentwickelt zu werden, wobei jeder von ihnen zu einem weiterem kulturellen Hauptzweig reifen kann.

Ich hoffe, das diese globalen Betrachtungen auch ihre Phantasie angeregt hat. Ich bin daher voll Zuversicht, das Volkskultur weiterhin einen wesentlichen Beitrag im Zusammenleben der Menschen leisten kann. Ich bin überzeugt, das über den Weg gegenwartsbezogener Kulturentwicklung auch die heutige Jugend in der einen oder in einer anderen Weise diese Kulturformen wieder annehmen und wieder leben kann.

© Dr. Klaus Fillafer