Sie befinden sich hier:   START > SERVICES > FACHARTIKEL > KÖRPERSPRACHE
Bei uns geben Sie den Ton an!
Bei uns geben Sie den Ton an!

KÖRPERSPRACHE

Gesamter Körper ist Taktstock eines Chorleiters
Musikerin analysiert Kommunikation zwischen Dirigent und Sängern
 
Chorleiter kommunizieren auch unterschwellig mit den Sängern
 
Göteborg (pte/28.09.2009/06:15) - Chorleiter dirigieren ihren Chor nicht bloß mit den Händen, sondern mit dem gesamten Körper. Zu diesem Schluss kommt Ragnhild Sandberg Jurström, Musikwissenschaftlerin der Universität Göteborg (http://www.gu.se/english). Sie untersuchte durch Videoanalysen von sechs schwedischen Chören, wie Chorleiter und Sänger kommunizieren und sich aufeinander abstimmen. Dabei zeigte sich eine Verständigung, die auf vielen Ebenen gleichzeitig verläuft. "Die Ergebnisse können Chorleitern zur besseren Reflexion ihres Tuns verhelfen und geben Hinweise für Aspekte, die in der Ausbildung für diesen Beruf bisher wenig berücksichtigt wurden", so die Forscherin im pressetext-Interview.

 

Wenn auch die Notenblätter der Sänger die Grundlage für den Gesang darstellen, nutzen Chorleiter eine Vielzahl von Kanälen, um die Wiedergabe nach ihrer Vorstellung der Interpretation zu beeinflussen. "Neben den am häufigsten eingesetzten Handbewegungen geschieht das auch über andere Körpergesten, über Mimik, Klavierspiel, Sprache oder auch durch das eigene Mitsingen. Chorleiter präsentieren sich dabei häufig als eine Art Prototyp, den die Sänger nachahmen sollen", so Sandberg Jurström. Die Kombination dieser Signale, die stark von der Persönlichkeit des Chorleiters abhänge, ähnle häufig einer für Außenstehende unbemerkbaren oder unverständlichen Geheimsprache. Doch auch den Sängern komme eine aktive Rolle in dieser Kommunikation zu. "Auf ihnen liegt hohe Verantwortung, da sie diese Signale umsetzen müssen. Bringen Chorsänger viel Erfahrung und Vorwissen für das gemeinsame Singen, die Interpretation und Gestaltung der Musik ein, so kann zwischen Dirigent und Chor häufig eine richtige Kooperation entstehen."

 

Auch wenn Chormusik schon seit den frühen Hochkulturen existiert, hat sich die Verständigung zwischen Chorleiter und Sänger oft gewandelt, berichtet Sandberg Jurström. "In der klassischen Antike zeigte man durch rhythmisches Stampfen den Takt an. Anders war dies bei der mittelalterlichen Chormusik der christlichen Klöster, wo der selbst mitsingende Kantor den anderen Mönchen die Melodie des Gesangs mit den Händen in die Luft zeichnete." In der frühen Neuzeit kam schließlich der Taktstock auf, der anfangs tatsächlich ein Stock war, den die Dirigenten auf den Boden stampften und somit den Rhythmus anzeigten. Dass der Chorleiter vor dem Chor steht und vorrangig für die Interpretation der Musik zuständig ist, ist eine Idee des 18. und 19. Jahrhunderts.

Doch auch in den letzten Jahrzehnten beobachtet Sandberg Jurström Änderungen der Chorkonstellation. Derzeit befinde sich die Chormusik in einer Experimentierphase. "Wenn auch die meisten Chöre traditionelle Darbietungsformen wählen, begleiten immer häufiger Theatralik, Tanz, Bewegung oder Instrumente den Gesang, zumindest in Schweden. Manche Chöre treten gar nicht auf der Bühne auf, sondern mischen sich unter das Publikum. Die zentrale Rolle des Dirigenten verliert dabei während der Aufführung an Bedeutung." Manche Chöre mit viel Erfahrung treten unabhängig von einem Chorleiter auf. Auf den Chorleiter ganz verzichten könne man jedoch auch in Zukunft nicht. "Angesichts der vielen Mitglieder eines Chores und der Fülle an möglichen Gestaltungen braucht es eine geschulte Person, die Ordnung schafft und die künstlerische Richtung vorgibt", so die schwedische Forscherin.


Zitiert aus: pressetext.austria, Redakteur: Johannes Pernsteiner, email: pernsteiner@pressetext.com