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BEOBACHTUNGEN

Peter Weikert:  Gastkommentar im "Kulturspiegel":

 

Der Kulturspiegel hat mich gebeten, einige Beobachtungen und Erfahrungen über das Chorsingen in Kärnten aus meiner Praxis bei CD-Aufnahmen darzulegen. Ein gar nicht so einfaches Unterfangen, weil es - so schön es ist, dass im Lande so viel gesungen wird - notgedrungen auch kritisch werden muß. Nach ca. 1000 Produktionen, bei denen ich Aufnahmeleiter sein durfte, sicher 700 davon waren Chorproduktionen, allerdings nicht nur in Kärnten, und jetzt schon über 22.000 Titeln in unserem Archiv, erlaube ich mir also ein paar kritische Bemerkungen. Es wird sicher auch manchmal ein bisschen satirisch werden, einfach deshalb, weil es heiter leichter ist, niemandem weh zu tun und den Zeigefinger unten zu lassen.
Ich muss auch gleich dazu sagen, dass ca. 20% der Kärntner Chöre ganz ausgezeichnet agieren. Trotzdem darf jeder ein bisschen nachdenken…

 

Wer ist denn der?
Immer wieder einmal werde ich nach meiner Kompetenz gefragt. Dazu muss ich sagen, meine Instrumentalausbildung inclusive den Theoriefächern Harmonielehre, Tonsatz, Musikgeschichte... - ich war viele Jahre Lehrer am Kärntner Landesmusikschulwerk - und die Aneignung und Pflege von technischem Knowhow - Hardware und Software - war ein Klax gegen das nun schon vier Jahrzehnte dauernde Studium an der "Akademie für Versuch und Irrtum". Hier habe ich besonders die Fächer Gruppendynamik, Menschentypologie, Führungspsychologie, Kindergartenpädagogik (wie sag ich’s meinem Kinde) belegt, daneben aber immer auch noch alle musikalischen Fächer, vor allem Formenlehre, Instrumentenkunde, Aufführungspraxis... Immer wenn ich schon knapp zur Abschlussprüfung antreten möchte, zeigt mir irgendein Interpret, dass ich noch viel, viel lernen muss.
Facit: Ich bleibe halt ein ewiger Student.

Die breite Basis schwindet
Zunächst muss ich einmal feststellen, dass in den fast 40 Jahren, in denen ich mich - erst weniger, dann mehr (die Schuld hat sicher Günther Mittergradnegger) - mit dem Chorgesang beschäftige, die qualitative Mitte immer mehr verschwindet. Die Schere zwischen sehr guten und unterdurchschnittlichen Gruppen geht immer weiter auseinander. Chöre, deren Leiter sich nicht um neue Literatur und Weiterbildung kümmern, nicht wissen wo es hingehen soll, kämpfen allgemein mit Nachwuchsproblemen. Die am Gesang oft sehr interessierten Jugendlichen finden sich in den oft auch veralteten internen Strukturen nicht zurecht und kommen nicht. In ganz glücklichen Fällen schließen sie sich zu neuen Vokalensembles zusammen, die oft schon nach kurzer Zeit sehr erstaunliche Leistungen vollbringen. Diese jungen Gruppen, derer es im Lande immer mehr gibt, wollen auch von großen Dachorganisationen nicht viel wissen, sondern wollen singen und an Literatur arbeiten. Sie sind auch in großem Maße bereit sich weiter zu bilden. Denken wir nur an den erstaunlichen Boom an der Kärntner ChorAkademie oder auch bei Singwochen des Sängerbundes. Es gibt aber im Lande auch einige wenige große Chöre, die überhaupt keine Nachwuchssorgen haben, einfach weil die Jungen organisch eingebunden werden und Verantwortung übernehmen dürfen. Und weil vor allem interessante Literatur gesungen wird.
Facit: Ein Chor ist selten besser als sein Leiter!

Aufnahmeleiter ein "Leiter" oder was?

So wie es nichts Subjektiveres gibt, als ein Kameraobjektiv, ist auch ein Mikrofon etwas sehr Subjektives. Daraus ergibt sich, dass der Aufnahmeleiter, ja sogar der Techniker einen wesentlichen Teil des Klanges einer Aufnahme einbringen (müssen). Wenn der Techniker nicht weiß, wie ein Cembalo klingt, wird er den Klang eines Cembalos niemals befriedigend abbilden können, weil er nicht einmal weiß, welche Mikrofone er einsetzen soll, ganz zu schweigen von den vielen Klangbeinflussungsmöglichkeiten in Hard- und Software.
Dazu kommt, dass das Musizieren für eine CD ein ganz anderes ist als auf der Bühne. Dort kann man Musik „sehen“. Das Musikempfinden des Zuhörers ist von vielen verschiedenen Stimmungen beeinflusst. Optik, Licht, Akustik, ja sogar Gerüche... sind mit ein Bestandteil des Hörens. Balanceprobleme, wie z.B. einen zu leisen Solisten gleicht das Ohr des Zuhörers ganz automatisch selbst aus.
Beim Hören einer CD ist der Zuhörer wie ein Blinder. Sein Ohr schärft sich auch wie bei einem Blinden. Interpretationsfehler, Intonationsschwächen, Textungenauigkeiten usw. fallen dadurch viel mehr auf. Noch dazu kann man ein Stück auf einer CD beliebig oft anhören. Manchmal hat die CD natürlich auch den Vorteil, dass man weiter schalten kann. Den Faktor dieses „überhöhten Musizierens“ auf CD möchte ich mit mindestens 30% annehmen.
Die allererste Aufgabe des Aufnahmeleiters ist, für diese Überhöhung und damit sozusagen für eine „künstliche Natürlichkeit“ zu sorgen. Einfach zwei Mikrofone (wie zwei Ohren) an der fiktiven Position eines Zuhörers allein würden eine furchtbar fade CD ergeben. Alles, was das Zuhörerohr im Konzert selbst ausgeglichen hat, muss künstlich nachgebaut und aufgeholt werden.
Daraus ergibt sich zwangsläufig, dass zwischen Aufnahmeteam und Interpreten ein vertrauensvolles Verhältnis bestehen muss, in dem alle an einem Strang ziehen müssen (besonders musikalisch). Dazu ist aber auch die musikalische Kompetenz aller Beteiligten notwendig. Alle organisatorischen Aufgaben - und derer gibt es bei einer Aufnahme nicht wenige - haben sich dem gemeinsamen Ziel, nämlich der Musik unterzuordnen. Sicherlich gibt es auch Produktionen, bei denen sich alles am Publikumsgeschmack zu orientieren hat, aber von dieser Art von Musik reden wir hier nicht, und wir brauchen sie gottlob auch nicht aufzunehmen.
Der Aufnahmeleiter - das ist zumindest meine Meinung - hat neben der Richtigkeit von Tönen u. dgl. auch über gewisse Grundregeln der Interpretation zu wachen. Es gibt wie in allen Bereichen des Lebens auch in der Musik ein gewisses Regelwerk, auch wenn sich viele großzügig darüber hinwegsetzen. Und, er hat die wichtige Aufgabe, den Ausführenden in schwierigen Situationen, und derer gibt es bei einer Aufnahme genug, auch Hilfestellung zu geben.


Dazu ein Beispiel aus der Praxis:
Bei der Aufnahme eines Männerchores kommt mitten im Stück eine Stelle, die zwei Takte lang in Alla Breve notiert ist. Der Chorleiter schlägt unbeirrt die Viertel weiter. Das Stück (noch dazu recht bekannt) ist also ziemlich entstellt, weil diese zwei Takte um die Hälfte zu langsam laufen. So wie es der Chor singt, ist es also schlicht und ergreifend falsch. Offensichtlich kennt der Leiter weder Alla Breve, noch das Zeichen dafür. Meine Ganglien kommen auf Hochtouren. Soll ich, kann ich, darf ich, muss ich eingreifen, sind mir doch so manche Äußerungen von Sängern, Chorleitern, sogar Mitbewerbern immer im Kopf, der Aufnahmeleiter habe sich nicht in die Interpretation einzumischen.
Ich überlege: Ich bin nicht nur diesem Chor, der sich in dieser Form ja heillos blamiert, verantwortlich, sondern auch dem Komponisten, dem Publikum, der Musik überhaupt.
Ich versuche also sehr vorsichtig den Fehler anzumelden, habe ich doch bei meinen gruppendynamischen Vorbeobachtungen des Chores, die ich eigentlich immer recht ausgiebig anzustellen versuche, bemerkt, dass der Leiter ein recht dominanter Typ ist, der sich bei Kritik sofort vor seinen Schäfchen bloßgestellt fühlen würde. Als der Taktschläger mir prompt forsch erklärt, das mit dem Tempo sei vollkommen wurscht, regt sich mein musikalischer Zorn. Ich gehe in den Aufnahmeraum, probe mit den Sängern - die ja überhaupt nichts dafür können - die Stelle, und in einer Viertelstunde ist sie im Kasten. Ich weiß genau, dass ich gruppendynamisch jetzt Feuer gemacht habe, aber ich habe die Stelle jetzt wenigstens richtig auf der CD. Dass das übrige Programm auch sonst (Intonation, Dynamik, Interpretation, Textgestaltung...) eher dürftig war, lässt sich denken. Viel später habe ich von den vielen nachfolgenden Unstimmigkeiten im Chor gehört. Schade...

 

Das war sicher ein sehr extremes Beispiel, charakterisiert aber die Problemstellung. An dieser Stelle muss ich mich aber bei den vielen Interpreten bedanken, die schon fünfte, sechste... CDs mit uns gemacht haben, und immer bestätigen, dass sie eben wegen dieser „Einmischung“ kommen.
Facit: Wer sich nicht von außen beobachten lassen will, sollte auch keine CD auf den - sehr öffentlichen - Markt bringen.

Text mit Inhalt füllen
Vokalmusik ist notwendigerweise mit Text verbunden. Alle großen Komponisten haben sich profunder Dichter als Texter bedient, um ihren Schöpfungen von vorneherein „Dichte“ zu verleihen. Daher sollte der Text im musikalischen Geschehen nicht vernachlässigt werden. Nun könnte man sagen, dass das Volkslied oder die volksliedhafte Neuschöpfung ja meist von sehr einfachen Inhalten lebt. Viele der neuen Textdichter - wohlgemerkt: nicht alle - kommen mit einfachen Herz-Schmerz-Inhalten und ein paar Füllwörtern, damit sich’s reimt, aus. Manchmal denke ich, der Begriff "Textreimer" wäre angebrachter.
Und gerade diese Einfachheit veranlasst mich zur Frage: Warum dann diese meist so übertriebene Textinterpretation im Kärntnerlied oder der kärntnerliedhaften Neukomposition?
Sehr oft beobachte ich, dass Feinheiten von Texten überhaupt nicht nachvollzogen werden, sondern der Text ziemlich gedankenlos nur als Soundtransportmittel verwendet wird. Dabei hat das Kärntnerlied sehr oft herrlich feine Gefühlsnuancen zu transportieren. Denken wir nur an die subtile, oft sehr verschmitzte Erotik, die in fast der Hälfte der Kärntnerlieder steckt. Sie kommt leider selten wieder heraus, oder sie wird grobschlächtig und ordinär. Oder (Beispiel): Wie überfordert sind doch viele Sänger - und Chorleiter - mit der lyrischen Dichte von Hopfgartner-Texten und ihrer vertrauensvollen Jenseitsbezogenheit. Meistens schiebe ich dann eine Lektion Textinterpretation ein. Als Aufnahmeleiter bin ich ja auch dem Textdichter verantwortlich, noch dazu, wenn ich ihn selbst so verehre - Hopfgartner, meinen "Trakl Kärntens". Solche Zusatzlektionen sind aber im Zeitplan nicht vorgesehen und kosten Energie, noch dazu, wenn die Sänger überhaupt nicht gewohnt sind, Bilder im Kopf zu bauen und daher in der Regel dann - wie Kinder, die etwas nicht kennen - zu Blödeln anfangen.


Wieder ein Beispiel aus der Praxis:
Das allseits bekannte „Fållt da Tau her ban Mondschein“ haben wir nun schon an die 50 mal im Archiv. In 47 Fällen davon gleichen die Tautröpfchen einschlagenden Handgranaten. Der Solist lässt auch mit unüberhörbarem Imponiergehabe den „Nebl ins Grås wålgen“. Auf meinen immer wieder stattfindenden Aufschrei höre ich zu 90% das Argument: So singen es ja alle!
Meine Frage: Wird das Falsche richtiger, nur weil es alle tun?
Nun versucht sich der Solist zurückzunehmen, was aber nicht gelingt, weil 1. der begleitende Summchor ihn nun zudeckt (wir müssten also proben) 2. er im Piano nicht mehr sauber intonieren und vor allem nicht mehr gestalten kann, weil er ja gewohnt ist, immer voll zu singen (wir müssten also noch viel länger proben). Das würde nun den Zeitrahmen einer Aufnahme bei weitem sprengen und überdies den Beigeschmack hinterlassen, ich hätte das Lied „umgebaut“, weil es in den Köpfen ja anders steht.
Ich gebe also resigniert auf, was zur Folge hat, dass die nächsten sagen: „Die haben es ja auch so gesungen...“
In ähnlicher Art pflanzen sich übrigens auch Satzfehler, ja oft ganz einfache Schreibfehler in Partituren bis in ewige Zeiten fort.
Facit: Singe nie einen Text, den du nicht „verstehst“.

Solomania auf dem Summteppich
Die cholesterinhaltigen Sololieder nehmen in Kärnten in erschreckendem Maße zu. Ich habe prinzipiell nichts gegen Soli, wenn sie von geeigneten Solisten vorgetragen werden, und - noch viel wichtiger - wenn das Solo im Lied seine Funktion und Bedeutung hat.
Was ist nun in meinen Augen ein geeigneter Solist: Ein Sänger, der über die nötige Intonationssicherheit und Gestaltungskapazität, vor allem das nötige Theatermoment (ich meine nicht Balzverhalten) verfügt, einem Solo die angemessene Interpretation zu verleihen. Das soll nun nicht heißen, dass Soli nur mehr von Kammersängern gesungen werden dürften. Im Gegenteil: Ich habe schon Solisten gehört und aufgenommen, die mit relativ schwacher und nicht ausgebildeter Stimme ihren Part perfekt und berührend abgeliefert haben, weil sie einfach gewusst haben, was sie singen und welche Funktion sie im Lied haben. Hier sind natürlich die Chorleiter gefordert, die allerdings viel wissen müssen und sich vor allem bei Solisten noch mehr engagieren müssten. Leider ist sehr oft der Solist auch ein "Star", der sich da nicht viel sagen lässt.
Nur ein "normaler" Sänger, der halt ein bisschen mutiger ist als die anderen Chorsänger, ist mir zu wenig. Leider sind mindestens 70% der in Konzerten und auf Tonträgern zu hörenden Solisten solche (böse abgewandelt) "Blinden, die halt unter den Tauben Könige" sind.
Die Erforschung des Phänomens dieses Solobedürfnisses in den Chören, beim Publikum und damit auch bei den Liedschreibern (ich vermeide absichtlich das Wort Komponisten) wäre sicher lohnendes Thema für mehrere Doktorarbeiten angehender Musikwissenschafter, oder vielleicht sogar Verhaltensforscher.
Vor allem würden mich Untersuchungen über das Publikumsverhalten interessieren. Warum jubelt es dem Solisten, der auf der Bühne entweder balzend oder verschreckt und zitternd, meist aber mit schlechter Intonation und dürftiger Gestaltung seinen Part hinter sich bringt, so zu? Ist der Applaus - sehr oft Jubel - eine Belohnung für seinen "Mut"? Findet wie in Filmen eine Identifikation mit dem "Helden" statt, der man auch gerne wäre?

Auf jeden Fall bestärkt das Publikum die Interpreten weiter und die Katze fängt sich an in den Schwanz zu beißen:
Die Chorleiter forcieren in der Programmauswahl die Soli, weil es "das Publikum ja so will" und kommen überdies schnell und mit viel weniger Proben zu einem vermeintlichen Erfolg.

Dabei hätte doch ein Chor, der sich "Kulturträger" nennt und dafür auch Subventionen, also Steuergelder erhält, die vornehme Pflicht, sein Publikum zu erziehen. Das wäre für mich Kulturarbeit. Allerdings müsste zumindest der Chorleiter wissen, wo’s lang geht.
Ich habe schon ausgezeichnete Konzerte ohne Soli erlebt, wo niemand im Publikum nach Sololiedern gefragt hat, weil das Programm einfach gut war. Es gibt auch - ganz wenige zwar -  CDs, die ohne Soli auskommen und sich trotzdem gut verkaufen.
Dazu kommt, dass die anderen Sänger nicht zu (Zitat Koschier vor fast schon dreißig Jahren) "summenden Statisten degradiert" werden dürften. Wenn sie zu oft nur als Harmonielieferanten verwendet werden, darf es einen nicht wundern, wenn sie auch beim Summen in eine gewisse Lethargie verfallen und damit auch den Solisten nicht mehr unterstützen.
Wie oft muss ich bei Aufnahmen den Summchor ermuntern aktiver, engagierter, intonationssauberer zu sein, damit der arme Solist nicht in der Luft hängt.
Übrigens hatte das alte Kärntnerlied überhaupt nie ein Solo, ab und zu vielleicht einen Vorsänger. Hervorzuhebende Beispiele für neue, gute Sololieder sind für mich einige der neuen Lieder im Kärntner Ton von Roland Streiner, der versucht hat, in der Intention des Kärntnerliedes behutsam etwas Neues zu schaffen und auch dem Solobedürfnis Rechnung zu tragen. Bei ihm bleibt der Chor ein Chor, der ein Lied singt, mit eigener Gestaltung und eigenem Text. Die Soli, auch Duette und Terzette liegen darüber und schieben sich nicht in den Vordergrund. Die Chorgemeinschaft bleibt eine Gemeinschaft.
Facit: „Jeda sölba schuld, wånna scheana singt wiera kånn!“ (Alte Kärntner Sängerweisheit)

 

Heiliger Intonatius, steh uns bei!
Nun zu einem sehr heiklen Kapitel, vor allem beim Kärntnerlied-Singen: Der Intonation.
Mir fällt auf, dass vorwiegend bei den Kärntnerliedern die Intonation oft sehr zu wünschen übrig lässt. Interessanterweise viel weniger bei „gehobener“ Chorliteratur, bei Spirituals oder Pop-Songs. Dieses Phänomen beobachte ich auf allen Qualitätsstufen, auch bei den Heiligen Chören des Landes. Liegt es an der allgemeinen Langphrasigkeit des Kärntnerliedes? Liegt es vielleicht daran, dass sie in der Regel viel zu sehr ausgebreitet werden und die Sänger einfach stimmtechnisch Probleme kriegen? Liegt es an der einfachen Harmonik (I, IV, V) die schlechte Intonation einfach noch "ohrenfälliger" macht?
Oder - jetzt eine sehr gewagte Hypothese von mir - ist die fallende Intonation im Kärntnerlied schon "eingebaut"?
Jetzt muss ich wohl etwas weiter ausholen:
Ein Beispiel: Meine Enkelin kommt aus dem Kindergarten und singt mir stolz ein an diesem Tag gelerntes Lied vor. Sie hat sich - ich staune nur so - den Text der vielen actionreichen Strophen ganz genau gemerkt. Bei den Tönen hapert es. Es fängt mich an zu interessieren, weil sie sonst gewöhnlich sehr sauber nachsingt. Wir versuchen nun gemeinsam eine „Rekonstruktion“, weil sie selber mit ihrem fast nur Gerede nicht zufrieden ist. Es stellt sich heraus, dass das Lied eineinhalb Oktaven Stimmumfang hat und ihre Tonvorstellung, wie die jeden Kindes ihres Alters hoffnungslos überfordert ist.
Dabei sollte, wenn ich den Lehrplan richtig im Kopf habe, sogar in der zweiten Volksschulklasse noch in der Fünftonreihe, maximal mit der 6. Stufe und der Subdominate in D-Dur gesungen werden. Wie soll sich da die Tonvorstellung unserer Kinder heranbilden. Den Kindergärtnerinnen und ihren Ausbildnern rufe ich zu: „Ihr kommt um Ringa-reia nicht herum, wollt ihr nicht unsere Kinder schon im zarten Kindergartenalter musikalisch schädigen. Singt halt von mir aus einen anderen Text, aber der Tonumfang der guten, alten Kinderlieder ist genug und muss auch gepflegt und gefestigt werden“.
Nun weiter. Ich muss dabei aber betonen, dass ich jetzt das schlimmste Szenario annehme:
Derart „ungeschulte“ Kinder fallen nun in der 2. oder 3. Volksschulklasse einer ehrgeizigen Lehrerin in die Hände, die glaubt, unbedingt mehrstimmig singen zu müssen, weil sie dann mit ihrem Klassenchor besser dasteht. Bald folgt das erste Kärntnerlied, höchstwahrscheinlich „In die Berg bin i gern“. Und bald wird einigen Kindern auch die dritte Stimme abverlangt. Spätestens ab diesem Zeitpunkt - behaupte ich - wird "Detonation" unterrichtet. Kein Kind, und sei es musikalisch noch so begabt, hat in diesem Alter die Tonvorstellung und auch nicht den Stimmumfang dafür. Und wie man Intonation pflegen kann, kann man auch schlechte Intonation schulen.
Mit diesen Intonationsvorstellungen landen Jugendliche nun oft bei Chören, bei denen sie auch ungepflegte Intonation hören. Und jetzt beginnt der Teufelskreis. Das meine ich mit „eingebaut“.
Andere Chorliteratur, wie oben erwähnt, hat andere, fremde Tonvorstellungen, und ist daher von diesem "archetypischen Einbau" nicht so betroffen. Außerdem wird sie viel gewissenhafter behandelt als die "nur Kärntnerlieder". Die armen - gemeint sind die Lieder - werden von fast allen Chören, auch den besten, maßlos unterschätzt.

Alle, die jetzt meinen, ich gehe mit meinen Hypothesen zu weit, mögen sich bei mir melden, aber nur, wenn sie mir erklären können, warum die Kärntnerlieder durchwegs unsauberer gesungen werden als die übrige Literatur - und das ist schlicht und einfach eine Tatsache und lässt sich auf fast jeder CD und in fast jedem Konzert nachhören.
Aus der Praxis zum Schmunzeln: Ausspruch eines Chorleiters bei einer Aufnahme: „Wås manst’n mit Intonation? Tua uns nit so varunsichan mit deine Fremdwörta! Manst laut oda leise, oda manst die Geschwindigkeit?“

Fatal ist, dass bei Tonaufnahmen dank der heutigen Sofware allgemein sinkende Intonation mit viel Arbeitsaufwand beim Schnitt - oder wie man heute sagt: Editing - ganz gut "gehoben" werden kann, wenn die Akkorde nicht schon in sich falsch sind. Wir machen das natürlich auch so gut es geht. Folge ist, dass die Sänger oft gar nie hören, wie sie wirklich gesungen haben.
Übrigens habe ich dieses "Carinthische Intonationsgefälle" bei Volkliedaufnahmen in anderen Bundesländern nicht feststellen können. Es klang durchwegs rauher, nicht so "schön" wie bei uns, aber von der Intonation her immer total sauber. Ist mir eigentlich lieber. Also: Woran liegt’s?

Facit: Sänger, hört beim Singen nicht nur euch selbst zu, sondern auch den Mitsängern! Chorleiter, singt nicht mit, sondern hört eurem Chor zu!

© Peter Weikert